Schreibefeder
Parmesan saß auf der Hügelkuppe. Der Mond, er war noch nicht voll, nur eine Sichel, aber jene Sichel erfüllte die Umgebung mit einem wundervollem Schein silbrigen Lichts. Die kleine graue Maus dachte nach, natürlich nicht auf dem hohem Niveau der Philosophen, aber dennoch. Die Gedanken des Mäuserichs wanderten von den großen Fragen, an denen die Mäuse schon lange eine Theorie nach der anderen aufstellten, aber gleich wieder verwarfen, über das wieso, warum und was. Er genoss die Stille rund um ihn herum, Parmesan war lange hierher gelaufen. In dieser Gegend wohnten eigentlich keine Mäuse, aus welchen Gründen auch immer. Die Maus war weit von der Zivilisation entfernt, und in den saftigen Hügeln würde man wohl auch genug Futter finden. Plötzlich flog eine Schleiereule über ihn hinweg. Dies war Jagdgebiet von Eulen, deshalb also. Parmesan wollte nur noch weg, nach Hause in das schützende Mauseloch. Sollte er nur hier verharren oder doch weglaufen? Parmesan fiel die Antwort einfach nicht ein, so blieb er sitzen und betrachtete weiterhin den Mond.
Als der Morgen graute und die Eule schon längst verschwunden war, machte sich der Mäuserich auf den Heimweg, zurück in sein Mauseloch. Er hatte keine Antwort auf eine der Fragen gefunden, aber er war glücklich, den Mond einmal wieder bei Nacht gesehen zu haben. Am Wegrand wuchs eine kleine Blume, eine weiße Nelke. Der kleine graue Parmesan pflückte sie ab. Als er daran roch, fiel ihm eine kleine Geschichte dazu ein. Seine Großmutter hatte sie ihm einmal erzählt, als er noch eine kleine Maus gewesen war. Sie handelte um Verschiedenheiten und Besonderheiten, vor allem aber von Wörtern: Wie sie verletzten und heilen konnten, wie mächtig sie seien konnten: Es war einmal - letztendlich musste jede Geschichte so beginnen - eine kleine Maus. Sie war nicht grau so wie du und ich, nein, sie war braun. Eigentlich war es eine fröhliche Maus, sie mochte am liebsten Käse, Schweizer Käse. Da gab es aber noch eine andere Maus, sie hatte graues Fell, welche neidisch war. Sie gönnte der anderen Maus ihre braune Fellfarbe, ihre Besonderheit nicht. Sie verbreitete Gerüchte über die Maus, und sagte ihr offen ins Gesicht, dass sie hässlich sei. Die braune Maus antwortete nichts darauf und rannte, so rasch sie konnte, davon. Die graue Maus sah, was sie angerichtet hatte, und entschuldigte sich. Danach rannte die braune Maus nicht mehr davon, und es gab keine Gerüchte mehr. Und wenn sie nicht gestoben ist, dann lebt sie noch heute. Parmesan wusste ganz genau, warum ihm gerade diese Geschichte einfiel: Die Blume war von einem blendendem weiß, ihre Blüte war regelmäßig gewachsen und sie verströmte einen betörenden Duft, wie Parmesan ihn noch nie gerochen hatte. Die Maus begriff, dass sie die Blume nie hätte pflücken dürfen. Doch was sollte sie tun?
Da hatte Parmesan eine Idee. In der darauf folgenden Nacht wanderte er wieder auf den Hügel und legte die Blume darauf. Wenn sie schon sterben musst, dann wenigstens im silbrigen Licht des inzwischen etwas vollerem Mondes. Zufrieden mit sich selbst und seiner Idee ging Parmesan nach Hause.
Falls ihr nun eine kleine, weiße Nelke nachts im silbernen Licht den Mondes auf einem saftigen Hügel liegen seht, dann vielleicht, nur vielleicht, sitzt dort irgendwo im Mondlicht eine kleine, graue Maus namens Parmesan im Gras und denkt über Fragen, die niemand beantworten kann, nach.
© by l.h.
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